Was wird aus der Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU)?

Die Weichen wurden neu gestellt

Zu den zentralen Fragen, die die Natur- und Umweltschützer der DDR in den Wendejahren 1989 und 1990 beschäftigten, gehörte die Frage nach der Zukunft des Naturschutzes und der Fachgruppenarbeit. Der Leiter der GNU-Fachgruppe „Ornithologie“ Großdittmannsdorf, Matthias Schrack, notierte dazu am 24.9.1989 in sein Tagebuch: „Es erscheint notwendig, die ornithologische und Naturschutzarbeit … einer Wertung zu unterziehen“ [1]. Auch in vielen anderen GNU-Gruppen traten Spannungen zwischen „Erneuerern“ und „Bewahrern“ [2] auf.

Die 6. Sitzung des Zentralvorstandes der GNU am 15.11.1989 in Potsdam war ebenfalls von Richtungsfragen bestimmt. Die dabei zu Tage tretenden gravierenden Meinungsunterschiede leiteten „den raschen Zerfallsprozess der GNU“ ein [3]. Dabei stand der Vorwurf im Raum, dass der Zentralvorstand auf die Veränderungen in der DDR konzeptionslos reagieren und sich instrumentalisieren lassen würde. Insbesondere die Interessengemeinschaften (IG) Stadtökologie, die eine starke Gruppe innerhalb der GNU darstellten, suchten eine neue, vom Kulturbund unabhängige Verbandsstruktur und gründeten am 3.2.1990 mit der Grünen Liga ein Netzwerk ökologischer Bewegungen. Diejenigen, die in der GNU verblieben, nannten ihren Verband im März 1990 in den „Bund für Natur und Umwelt beim Kuturbund (BNU)“ um.

Der Kulturbund und die GNU – ein Rückblick

„… das war eine Hoch-Zeit der naturwissenschaftlichen Laienforschung, die es in Westdeutschland so nicht gab und die enorm viel Wissen erarbeitet. Aber in Richtung Naturschutz.“
– Prof. Dr. Michael Succow, Interview v. 21.8.2015

„Die zentralen Fachausschüsse waren praktisch die Avantgarde des Naturschutzes.“
– Prof. Dr. Michael Succow, Interview v. 21.8.2015

Der Naturschutz in der DDR gründete sich zum Zeitpunkt der Wende auf drei Säulen. Der staatliche Naturschutz war von der Hauptabteilung Forstwirtschaft des MLF der DDR über die Bezirke und Kreise bis zu den Gemeinden organisiert. Die ehrenamtliche Säule umfasste die Naturschutzbeauftragten und Helfer. „Und beim wissenschaftlichen Naturschutz, der überwiegend durch das Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz geleitet wurde, spielte auch die Gesellschaft für Natur und Umwelt des Kulturbunds eine Rolle, deren Fachgruppen dem wissenschaftlichen Naturschutz zuarbeiteten“ [4].

Die Geschichte des ehrenamtlich getragenen wissenschaftlichen Naturschutzes in der DDR begann im Dezember 1950, als sich in Berlin die zentrale Leitung der „Natur- und Heimatfreunde“ im Kulturbund konstituierte. Unter ihrem Dach entstanden Facharbeitsgemeinschaften, die auf Bezirksebene von Fachausschüssen koordiniert wurden. Auf nationaler Ebene entstanden „Zentrale Fachausschüsse” (ZFA), wenn es größere Fachgebiete zu betreuen galt. Kleinere oder stärker spezialisierte Fachgebiete gruppierten sich in „Zentrale Arbeitskreise” (ZAK), Arbeitsgemeinschaften oder -gruppen oder Freundeskreise. Den ZFA gehörten die Vorsitzenden der entsprechenden Bezirks-Fachausschüsse (BFA), die wiederum nicht gewählt, sondern vom Präsidialrat des Kulturbundes berufen wurden, an.

Die Fachausschüsse der „Natur- und Heimatfreunde“ deckten neben dem Naturschutz und Landschaftspflege, der Botanik, der Entomologie oder der Ornithologie auch die Bereiche Denkmalpflege, Geologie, Wegemarkierung, Heimatgeschichte, Astronomie oder Touristik und Wandern ab.

Im Jahre 1980 organisierte sich der Kulturbund um. Die Natur- und Umweltschützer fanden in der „Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU)“ eine neue organisatorische Heimat. Dr. Rolf Caspar, der Leiter der Abteilung Natur und Umwelt im Bundessekretariat des Kulturbundes übernahm die Aufgaben des Sekretärs des Zentralvorstandes der GNU. Im Laufe der 1980er Jahre wuchs die GNU auf 2.874 Gruppen mit insgesamt 57.245 Mitgliedern (1986) an. Mit 276 Gruppen und 10.425 Mitgliedern bildeten die Stadtökologen die größte Fachgruppe innerhalb der GNU [4]. Dr. Rotraud Gille, die in Schwedt eine IG Stadtökologie gründet hatte, erinnert sich: „In die Fachgruppe Stadtökologie kamen Leute, die vorher … nicht in der Gesellschaft für Natur und Umwelt waren“ [5].

Da nur geschützt werden konnte, was bekannt war, sah die GNU ihre vorrangige Aufgabe darin, die zum Schutz der Umwelt notwendigen naturkundliche und naturwissenschaftliche Informationen und Daten zu sammeln [6]. Aus dieser Grundhaltung resultierte die hohe Fachlichkeit der 11 zentralen Fachausschüsse mit 14 untergeordenten Arbeitskreisen oder Arbeitsgruppen.

Naturschutzbund führt Fachgruppen-Tradition fort

„Die Traditionen der speziellen Naturschutzarbeit sollen bewahrt und weiterentwickelt werden. … In diesen Strukturen sollen Fach- und Arbeitsgruppen … weiterhin eine eigenständige Arbeit leisten – sie sind aber im Naturschutzbund organisiert.“
– Hans Sciborski, Aufruf zur Gründung einer unabhängigen Naturschutzorganisation, 1.2.1990

Dieses Fachwissen über die Wende zu retten, sah Prof. Michael Succow, der damals dem ZFA Botanik vorstand, als Teil seiner „Verantwortung“an. Da er bereits vor der Wende „berufliche Nachteile auf sich genommen hatte, um seiner Idee treu zu bleiben“, war er für Rotraud Gille, aber auch viele andere GNU-Mitglieder „absolut vertrauenswürdig“. Die Bereitschaft Prof. Succow zu folgen, war groß [5].

Nach zahlreichen Kontakten und Gesprächen, allen voran mit Klaus Dürkop, Jochen Flasbarth und Markus Rösler war sich Succow sicher, im DBV einen „schlafenden oder werdenden Riesen“ zu haben, der den geeigneten verbandlichen Rahmen geben könnte, um die „hochwertigen Kulturbundgruppen weiterzuführen“. Zwei Voraussetzungen mussten dazu jedoch erfüllt werden. Zum Einen, dass sich der der Deutsche Bund für Vogelschutz als Naturschutzverband „profilierte“ bzw „umprofilierte“. Zum Zweiten, dass der Verband bereit sein müsste, seine Strukturen zu öffnen, um die Fachgruppen- und Fachausschüsse-Struktur der GNU anschlussfähig zu machen.

Im Auftrag des Präsidiums informierte der DBV-Vizepräsident Jochen Flasbarth am 20.4.1990 in einem Rundbrief über den Stand der Gespräche mit den Vertretern des DDR-Naturschutzes. Er versuchte darin, der Sorge, dass der DBV den angestammten Vogelschutz nicht mehr so wichtig nehmen könnte, entgegenzuwirken. „Die Sorge ist unbegründet. Dies kann man auch daran ersehen, daß sich in der DDR die Ornithologen und Vogelschützer entschlossen haben, keinen eigenen Verband zu gründen, sondern sich dem Naturschutzbund Deutschland anzuschließen. Daß auch die Botaniker, die Säuegtierkundler und andere Fachrichtungen diesen Schritt gehen, ist kein Verlust für den DBV, sondern ein beträchtlicher Gewinn“. Im Weiteren lässt er wissen, dass die „Fachgruppenarbeit, die als wichtiger Beitrag von unseren Freunden aus der DDR in die Organisation und die Arbeit des DBV als Naturschutzbund Deutschland aufgenommen werden soll, die sachliche Kompetenz des Verbandes in Fragen des Natur- und Landschaftsschutzes stärken und ihm ein größeres politisches Gewicht verleihen würde“.

Nachdem die außerordentliche Bundesvertreter des DBV im Juni 1990 bereits die Umbenennung in Naturschutzbund Deutschland beschlossen hatte, sprach sich die Bundesvertreterversammlung am 17.11.1990 in Gosen zur Einführung von Bundesfachausschüssen (BFA) und Bundesarbeitsgruppen (BAG) aus. Gleichzeitig bestätigen die Versammlung die Einrichtung der ersten sechs Bundesfachausschüsse und Arbeitsgruppen.

Unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. D. Wallschläger stand der BFA Ornithologie. Herr Dr. Kaatz wurde als Sprecher der AG Weißstorchschutz und Herr Dr. Prange als Sprecher der AG Kranichschutz bestätigt. Die Amphibien- und Reptilienspezialisten fanden im BFA Feldherpetologie von Herrn Dr. Ortner eine neue Heimat und die Mykologen gruppierten sich unter der Leitung von Herrn Dr. Doerfelt im BFA Mykologie. Herr Dr. Haensel und Herr Rackow übernahmen die AG Fledermausschutz im BFA Mammalogie. Auf Antrag des niedersächsischen Landesverbands rief die BVV mit dem BFA Umweltrecht zugleich den ersten nicht naturkundlich ausgerichteten BFA ins Leben. Gleichzeitig wurde das Präsidium beauftragt, „soweit möglich weitere Bundesfachausschüsse und Arbeitsgruppen einzurichten“ [9].

Dadurch war es für Prof. Succow „dann möglich, vielleicht zwei Drittel des Kulturbundes von der GNU in den sich neuformierenden neuen Verband zu führen“ [8]. Fachlich betreut wurden die Bundesfachausschüsse und Bundesarbeitsgruppen von der Außenstelle des Bundesverbandes in Gosen. Dem dortigen Leiter Dr. Joachim Haensel oblag es, die Fachpublikation „Naturschutz spezial“ zu entwickeln sowie die verschiedenen Rundbriefe der BFAs und BAGs herauszugeben.

Wie herausfordernd sich trotz aller technischen, administrativen und finanziellen Unterstützungen das Zuwachsen der ehemaligen Fachgruppen mit den traditionellen Verbandsstrukturen darstellte, berichtete das NABU-Präsidium den Delegierten der Bundesvertreterversammlung im April 1993: „Dennoch bleibt kritisch anzumerken, daß die Arbeit etlicher – vor allem naturkundlicher Arbeitsgruppen – noch nicht hinreichend in die Verbandsarbeit integriert ist. Vielen Mitarbeitern in den Fachgruppen fehlt es noch an der notwendigen Identifikation mit dem NABU, umgekehrt fällt es den traditionellen NABU-Strukturen offenbar nicht leicht, die Fachgruppen wirklich offen aufzunehmen“ [10].

Heute verfügt der NABU auf Bundesebene über 37 Bundesfachausschüsse (BFA) und Bundesarbeitsgruppen (BAG). In den Landesverbänden Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt schlossen sich ehrenamtliche Naturschutzexperten zu Landesfachausschüssen (LFA) und Landesarbeitsgruppen (LAG) bzw Landesarbeitskreisen (LAK) zusammen. Darüber hinaus setzen zahlreiche Fachgruppen auf örtlicher oder regionaler Ebene (z.B. NABU-Fachgruppe Entomologie Greifswald, NABU-Fachgruppe Ornithologie Großdittmansdorf, NABU-Fachgruppe Ornithologie und Herpetologie Falkenhain) die Tradition der Bürgerwissenschaft im NABU fort.

Fußnoten:

[1] Tagebuch v. Matthias Schrack, Großdittmansdorf, v. 24.9.1989
[2] Behrens, H., Benkert, U. Hopfmann, J. & Maechler, U. (1993): Vor der Gesellschaft für Natur und Umwelt zum Bund für Natur und Umwelt zum Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V.. – In: Wurzeln der Umweltbewegung. Die Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund der DDR. Marburg 1993, Kapitel 3, S 69 -82
[3] Behrens, H. (2010): 1990 – 2010: Das Ende der „Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kuturbund der DDR“ (GNU) – Ein Zeitzeugenbericht. – Studienarchiv Umweltgeschichte, 15, S. 39 – 72
[4] Interview mit Hubertus Meckelmann vom 21.10.2015
[5] Interview mit Rotraud und Helmut Gille, Helmut Schmidt sowie Hans-Jörg Wilke vom 9.9.2015
[6] BArch SAPMO DY27 456. Der Kulturbund als Partner der Wissenschaft (Büro Schulmeister, 10. Juni 1986)
[7] BArch SAPMO DY27 456. Statistiken, Fakten, Relationen. Der Kulturbund der DDR 1987.
[8] Interview mit Michael Succow und Markus Rösler vom 21.8.2015
[9] Protokoll der Bundesvertreterversammlung vom 17.11.1990.
[10] Bericht des NABU-Präsidiums an die Bundesvertreterversammlung 1993, Heidelberg, 23.-25.4.1993

 

Text: Ralf Schulte

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